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vrije geluiden März 2011 | Tra Noi April 2010 | Tra Noi Dezember 2007Interview Vrije Geluiden Niederländischen TV-Programm – märz 2011

Interview auf Französisch

Interview April 2010, Hasselt

Wir schreiben Freitag, den 2. April 2010, nach einem wunderbaren Konzert von A Filetta setzen wir uns mit ihnen im Theaterrestaurant in Hasselt (Belgien) zusammen.

Trai Noi geht die Sachen gerne ein bisschen anders an, und da wir wissen, dass meistens Jean-Claude bei den Interviews die Antworten gibt und die anderen sich damit begnügen, ab und zu beizupflichten, stellten wir jedem Mitglied von A Filetta eine Frage.

In Neu Kaledonien

In Neu Kaledonien

Die Suppe wird serviert und José, der uns gegenüber sitzt, darf den Reigen eröffnen.
Tra Noi: Welches ist der eigenartigste Ort, an dem ihr aufgetreten seid, denk an eine Kirche, ein Theater, Open-Air?
José antwortet ohne einen Augenblick zu zögern: „ Neu-Kaledonien, im Mai 2009 (A Filetta war da von einer Musikgruppe aus Neu-Kaledonien eingeladen worden, die vorher an den Rencontres in Calvi teilgenommen hatte, Red.).  Wir waren dort anlässlich des zwanzigsten Todestages von Jean-Marie Tijabaou (ein Politiker und Unabhängigkeitskämpfer, der ebenso wie sein Gefährte Yeiwene Yeiwene am 4. Mai 1989 ermordet wurde, Red.)

Maxime ist neugierig und versucht auf unserem Notizblock zu lesen, welches seine Frage ist.
An welche Zusammenarbeit hast du warme Erinnerungen, und was macht die Zusammenarbeit so besonders?
Einer der Übrigen deutet etwas von „zärtlichen“ Erinnerungen an, eine Anspielung für Insider, die wir nicht weiterverfolgen, um niemanden in Verlegenheit zu bringen.
Maxime: „Meinst du eine Erinnerung von mir, oder von der Gruppe?“
Tra Noi: „ Von dir persönlich, aber mit der Gruppe.“
Maxime antwortet spontan: „Bruno Coulais, wir haben intensiv zusammengearbeitet, da entsteht ein Band, man muss offen dem anderen gegenüber sein, und das ist auch geschehen, das ist nötig, damit eine gute Zusammenarbeit entsteht.
Im Falle von Bruno ist daraus eine Freundschaft erwachsen, er ist sogar der Patenonkel meiner Tochter.“

AaPaul haben wir gefragt:
Welches war der merkwürdigste Ort, an dem ihr aufgetreten seid?
Paul überlegt, bevor er antwortet: „Das war auf einer Zirkuspiste im Palais Nikaïa (Stadion in Nizza, Red.). Das war für die Zusammenarbeit mit Orlando Forioso, Bruno Coulais und dem Zirkus „Gruss“, für die Vorstellung Lucio, le rêve de l’âne d’or.“ Jean-Claude und Valérie stimmen zu. (Diese ‘Zirkusoper‘, Lucio, le rêve de l’âne d’or, wurde zweimal aufgeführt, am 2. und 3.Juli 2007, Red.)

Zwischen Suppe und Hauptgericht wenden wir uns Jean zu.
Tra Noi: Wenn du einen Gesang von A Filetta auswählen müsstest, welchen würdest du dann singen wollen?
Jean antwortet direkt: „Medea!“
Tra Noi: „Nicht eine CD, ein Gesang.“
Jean: „U Casticu, ich finde alle Alben, die wir gemacht haben, schön, aber Medea ist die Apotheose, die Gesänge stellen eine Harmonie her, so dass wir beim Singen in Trance geraten können…
Medea repräsentiert die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.“

U Casticu (extrait de Medea) – Intantu

volubilis

volubilis

Jetzt ist Jean-Luc an der Reihe, und wir fragen ihn:
Was ist die merkwürdigste Situation, die du mit A Filetta erlebt hast?
Bevor Jean-Luc antworten kann, erzählt Jean ein lustiges Erlebnis während eines Aufenthalts in Schweden, aber das ist eher eine Kneipengeschichte mit den Zutaten: Frisur, Kerzen und Ohrfeige, beim Gedanken daran liegen sie alle unter dem Tisch vor Lachen.
Jean-Luc denkt tief über die Frage nach, er lässt anscheinend diverse Anekdoten in seinem Kopf Revue passieren, schließlich antwortet er: „In Marokko haben wir etwas Seltsames erlebt, wir traten in Volubilis auf (einer alten, wieder ausgegrabenen römischen Stadt , Red.), während des Konzerts – das Militär war für die allgemeine Sicherheit anwesend – waren die wachhabenden Soldaten mehr damit beschäftigt, die Übertragung eines Fußballspiels im Radio zu verfolgen, wir konnten, während wir sangen, das Spiel und die Kommentare der Soldaten hören. Das war ziemlich störend.

Eine andere besondere Erfahrung war das Konzert in Norwegen im Sommer, wir traten um Mitternacht auf, und es war einfach hell, wirklich einzigartig.“

Die Teller sind leer, alle Pommes Frites aufgegessen, und wir stellen die folgende Frage an Ceccè:
Was treibt dich dazu, bei A Filetta zu bleiben, immer auf Achse zu sein, oft weit weg von deiner Familie?
Ceccè antwortet mit viel Selbstsicherheit in der Stimme: „Leidenschaft. Leidenschaft für A Filetta, Leidenschaft für das Singen, für die Atmosphäre innerhalb der Gruppe, für das Reisen, all das, was das Leben von A Filetta ausmacht. Manchmal ist das schwierig, wenn ich von meiner Familie getrennt bin, aber mit  A Filetta zusammen zu sein erleichtert die Sache.“

Auch Valérie muss auf eine unserer Fragen antworten:
Beschreibe uns doch einmal den idealen Konzerttag von A Filetta.
Valérie fängt an zu lachen: „Das ist bestimmt nicht der erste Tag einer Tournee… aber dann…“
Wir geben ihr ein bisschen Hilfestellung bei der Antwort, indem wir sie fragen, was sie so alles an einem Konzerttag macht.
Valérie: „Die größte Arbeit besteht in der Vorbereitung, eigentlich habe ich nicht mehr viel zu tun, wenn wir auf Tournee sind, es kommt sehr selten vor, dass ich noch etwas in letzter Minute regeln muss.
Mein idealer Tag ist der, wo wir nur wenig Entfernung zwischen den Städten, in denen wir auftreten, zurücklegen müssen, in Ruhe die Stadt besichtigen, in der wir sind, aber auch Zeit haben die Arbeit zu erledigen, die ich mitgenommen habe.
Das ist mein idealer Tag.“

Beim Kaffee stellen wir die letzte Frage an Jean-Claude.
Wo würdest du gerne mit A Filetta auftreten? Denke unbegrenzt, die Akropolis, Vlieland, der Nordpol, der Mond…
Wir sehen Jean-Claude in Gedanken auf Reise gehen:
„Ein antikes griechisches Theater, und dort Medea aufführen. Ich würde gerne dort auftreten, wo die Natur noch wild ist, wie in Patagonien, in Grönland, am Nord- oder Südpol, wo genau das keine Bedeutung hat (zwischendurch werden am Tisch applaudierende Pinguine nachgeahmt). Die Wüste, obwohl … dort ist es so heiß, ich ziehe kältere Ziele vor.
Träumen kann man immer.“”

Obwohl sie müde sind, kommen sie gerne unserem Wunsch nach, in Spielerkreis-Stellung zu gehen, ich bin umzingelt von den sieben Sängern und mache einige Fotos.

Na afloop van het interview in Hasselt

Dann ist es schon Zeit zu gehen, gut zu schlafen, schön zu träumen…

Interview Dezember 2007, Utrecht

Es ist Freitag, der 16. Dezember, und Tra Noi (martijn, Christina, Laurent & Suzan) wohnt dem Konzert von A Filetta in der Pieterskirche in Utrecht bei. Während der Tournee von A Filetta in den Niederlanden hat Laurent die Ehre, die Texte von Jean-Claude auf Niederländisch vorzulesen, um in die Lieder einzuführen. Die Kirche ist voll, und die Männer kommen herein. Es ist so still, als ob wir nicht mehr atmen können.
Die ersten Klänge halten das Versprechen, es ist wunderbar. Sie singen mehrere Lieder, die auf dem neuen Album 2008 erscheinen werden, Gesänge aus Medea, aus dem Requiem, von den Filmen Liberata und Himalaya.
Die Akustik ist hervorragend und das Publikum gerührt. A Filetta haben ihren Platz gefunden.
Nach einer Ovation kommen sie für ein letztes Lied noch einmal zurück.

Wir helfen Valérie beim CD-Verkauf. Es ist schön, die Begeisterung des Publikums zu sehen, für viele reicht eine CD nicht aus. Was man gehört hat, will man auch mitnehmen. Nachdem die Gruppe mit mehreren Fans gesprochen hat, gehen wir ins Restaurant. Und dort, auf dem schönen Kirchplatz von St. Pieter, bittet Suzan A Filetta, „Sub Tuum“ zu singen.
José und Maxime, die vorneweg laufen, werden zurückgerufen, es ist kalt, die Männer stellen sich im Kreis auf und holen die Ohren aus der Mütze. Es ist ein magischer Moment, hier auf diesem Platz, in der Kälte, es ist himmlisch! Welch ein Geschenk! Danach rufen wir: „ESSEN!“ und wir laufen los. Maxime hat den Stadtplan und führt uns. Paul und Ceccè haben ihren Spaß und versuchen, die vorbeifahrenden Radfahrer aufzuhalten, der Rest der Gruppe unterhält sich. Die Atmosphäre ist entspannt, es war ein schönes Konzert.
Im Restaurant bestellen wir viele Pizzas „A Filetta“ mit einem Bier, und wir beginnen mit dem Interview.
Laurent und Jean-Claude, die nebeneinander sitzen, eröffnen das Gespräch. Die einen hören zu, die anderen unterhalten sich miteinander.

Die erste Frage kommt von Christina. Sie betrifft die richtige Übersetzung eines Textes. (Christina schreibt die Texte in niederländische Gedichte um. Es handelt sich um das Lied „Caracolu di brame“ aus Intantu.)

Jean-Claude setzt sich und übersetzt es für sie. Auch für ihn ist das schwierig, und er nimmt bei den Erklärungen seine Hände zu Hilfe. Jean-Claude: „Dieser Text ist im Original auf Korsisch geschrieben, von meinem Bruder Marcellu. Er schrieb früher viele Texte für uns. Das Korsische ist eine sehr bildhafte Sprache, und wenn man es ins Französische übersetzt, verliert man manchmal die gewünschten Effekte.“

Tra Noi: Welches sind die Lieblingsdichter von Jean-Claude?

Jean-Claude: „Borgès, René Char, Aragon und Primo Levi sind die Dichter, die ich am meisten zitiere.“ Zum großen Vergnügen von Christina kommen Pessoa und Paul Eluard auch auf der Liste vor.

Tra Noi: Ist die Polyphonie eine Sache nur für Männer?

Jean-Claude: Polyphonie wurde in der Epoche gesungen, als die Menschen auf den Feldern arbeiteten. Die Männer sangen zusammen, weil sie zusammen arbeiteten. Dass es keine gemischte Polyphonie gibt, hat ästhetische Gründe: ihre Struktur ist derart, dass man die harmonischen Effekte beseitigt, wenn man Stimmen aus verschiedenen Stimmlagen mischt. Wenn man Männer und Frauen zusammen singen lässt, singen sie nicht im selben Register. Man weitet also das Register aus, das Spektrum, und man  erhält dabei nicht mehr denselben Klang.
Natürlich habe Männer zusammen gesungen und Frauen zusammen gesungen, aber nicht polyphonisch, ganz einfach weil es schwierig ist, eine genügend große Bandbreite der Stimmen zu finden. Ganz allgemein ist es schwierig, entweder Bässe zu finden oder Stimmen, die hoch genug singen können. Das ist ein Problem der Stimmlage. Wenn Männer und Frauen nicht zusammen sangen, hat das also mit der Organisation der Gesellschaft zu tun, eine rein ästhetische und musikalische Erklärung. Hingegen gibt es in den letzten 20 bis 30 Jahren Gruppen von Männern und Frauen, die komponiert haben, aber letztlich singen sie nicht auf dieselbe Art. Das ist keine wissenschaftliche Erklärung, aber es sind genug Elemente, die rechtfertigen können, weshalb das nicht existiert.

Tra Noi: Wie verläuft die Programmplanung für eine Tournee? Wer entscheidet, welche Gesänge einbezogen werden?

Jean-Claude: Das hängt von vielerlei Dingen ab. Wir beraten darüber gemeinsam. Sehr häufig hat es mit den Neuerscheinungen zu tun, damit, was wir gerne singen würden, mit der Ausbalancierung des Programms.
Um ein konkretes Beispiel zu nennen: in das Programm der Niederlande-Tournee haben wir eine bestimmte Anzahl Gesänge aus dem neuen Album einbezogen, das wir im Januar aufnehmen werden. Das erlaubt es uns, sie auszufeilen, aber auch sie reifen zu lassen. Von der Komposition bis zur Reife, das ist viel Arbeit.

Tra Noi: Habt ihr Orte, wo ihr am liebsten singt? Gibt es einen Saal, in dem ihr gerne noch einmal auftreten würdet?

Jean-Claude: Nicht direkt. Wir mögen eine bestimmte Akustik. Bestimmte akustische Verhältnisse passen besser zu dem, was wir machen. Die großen Säle mögen wir nicht so sehr, denn unser Gesang ist intimer, und dort muss er mit einer großen Anlage verstärkt werden. Das steht in keiner Beziehung mehr zu dem, was wir machen.
Wir singen auch nicht gerne in großen Kirchen. Dort gibt es eine Echowirkung, und das ist verwirrend. Der ideale Saal für uns ist eine Kirche mit 300 bis 400 Plätzen oder auch ein kleiner Saal mit einer guten Anlage. Dann hat man eine gute Verbindung zum Publikum, die nicht gestört wird.

Tra Noi: Viele Leute fühlen sich durch A Filetta sehr angezogen, ihre Harmonie, ihre Leidenschaft, ihre herrliche Musik, ihre Texte. Für mich (Suzan) seid ihr sieben Engel. Was ihr macht tut dem Herzen gut, es berührt einen, es umarmt einen. Wie ist es für euch, bejubelt zu sein und dennoch einfacher Korse zu bleiben?

Jean-Claude: Also, erst einmal macht es uns Freude, dass sie so eine Vorstellung von uns hat. Sie muss wissen, dass es bei uns in keiner Weise den Willen gibt, eine solche Vorstellung hervorzurufen. In diesem Zusammenhang möchte ich André Malraux zitieren: „Der Mensch ist weder Engel noch Tier. Wenn er den Engel spielen will, wird er zum Tier.“
Für uns sind zwei Sachen wichtig:
Erstens immer uns selbst gegenüber kritisch zu sein. An dem Tag, wo wir sagen werden: „Was wir machen ist gut“ wird es vorbei sein. Das wäre der Anfang vom Ende.
Unsere Einstellung besteht in der ständigen Suche nach einem Gleichgewicht, von dem man weiß, dass man es niemals erreichen wird, aber es ist wichtig, danach zu streben.
Zweitens immer bescheiden zu bleiben. Wir sind uns vollkommen bewusst, dass wir ohne denjenigen, der uns zuhört, absolut nichts sind. Das ist eine Gewissheit. Weil unser Gesang nur Sinn hat, wenn er gehört wird. Wir sind zutiefst überzeugt, dass so etwas wie ein Kollektiv existiert, eine Art, die Sachen gemeinsam auszudenken, durch den anderen, mit dem anderen als Gegenüber. So funktioniert unsere Musik. Diese Auffassung möchten wir gerne vermitteln. Und das geht nur, wenn man Leute hat, die uns folgen, die uns erlauben, dieses Abenteuer zu leben, von dem der ökonomische und der hierarchische Aspekt ausgeschlossen sind. Und das existiert in unserer heutigen Welt nirgendwo mehr. Manchmal sagen die Leute: „Ja, aber den ökonomischen Aspekt verfolgt ihr zwangsläufig auch, da ihr ja Konzerte und CDs verkauft…“ Ich gebe das zu. Aber wir haben das Glück gehabt ein Publikum zu finden, das uns folgt, und wir sind nicht gezwungen, Zugeständnisse auf künstlerischem Gebiet zu machen. Wir haben uns nie in der Situation befunden, sagen zu müssen: „Ok, wir müssen uns ein bisschen arrangieren, wir müssen eine Sache machen, die gut funktionieren wird.“ Was wir machen, machen wir. Das ist schwierig. Es ist nicht immer leicht Zuhörer zu finden, und dennoch haben wir ein Publikum. Und dank dieses Publikums, und weil es Leute wie euch gibt, können wir weitermachen. Von da ab kann man nur bescheiden sein.

Tra Noi: Am Ende seiner letzten Ankündigung teilt Laurent mit, dass nach dem Konzert die Möglichkeit besteht, CDs zu kaufen. Das hat Gelächter im Saal ausgelöst. Wie habt ihr das erlebt?

Jean-Claude: Gestern schon haben die Leute gelacht. Wir haben nochmal nachgedacht, und wir glauben, dass sie gelacht haben, weil es am Ende der letzten Ankündigung kam. Wir mussten da auch lachen, ganz einfach. Apropos, dieses Jahr haben wir in Calvi bei den Rencontres Giovanna Marini zu Gast gehabt. Eine beliebte italienische Sängerin, die fantastisch mit Stimmen gearbeitet hat. Das ist eine Dame zwischen 65 und 70. Sie tritt in ihren Konzerten mit drei anderen Sängerinnen auf. Während der Konzerte spricht sie viel und unterhaltsam zum Publikum. Und am Ende der Konzerte sagt sie: „So, ich will Ihnen was erklären. Wir haben CDs gemacht, und die Produzenten fabrizieren sie, wollen sie aber nicht verkaufen.Deshalb fangen unsere CDs an zuzustauben, und wir müssen sie putzen. Also, um das nicht mehr machen zu müssen, verkaufen wir sie selber.“ Dann geht sie hinter die Bühne und kommt mit Kartons voll CDs wieder. Sie setzt sich vorne auf den Bühnenrand und verkauft sie. Ihr Agent sagt, dass sie unglaubliche Mengen CDs verkauft, seitdem sie das macht. (Sie macht daraus ein Spiel.)
Für uns ist es ausgeschlossen, dass  wir so etwas machen. Wir würden das niemals wagen. Wir lachen viel darüber, weil diese Tournee die einzige ist, bei der wir ansagen, dass wir CDs verkaufen. Niemals vorher haben wir das gemacht. Um auf deine Frage zurückzukommen, wir haben sehr gelacht, aber das hat uns nicht gestört.
Maxime (lachend): Du hast gesagt: „… Altruismus und Selbsthingabe, nach dem Konzert gibt es CDs zu kaufen“. Und das alles im selben Tonfall. Das war poetisch. (Lacher)
Suzan: Das war wirklich witzig, und es hat Früchte getragen.

Tra Noi: Leidenschaft ist ein Wort, das immer wiederkehrt, bei euch selbst, auf der DVD, in den Interviews, auf der Bühne, aber auch beim Publikum. Bemerkt ihr nach bald 30 Jahren Bestehen manchmal, dass die Leidenschaft nachlässt? Was tut ihr, um das Feuer wieder anzufachen?

Jean-Claude: Hör zu, ehrlich, wir haben nicht den Eindruck, dass die Leidenschaft abnimmt. Sicher wird das eines Tages geschehen, aber bis jetzt haben wir es noch nicht verspürt. Zweifellos weil wir viele verschiedene Sachen machen.
Wichtig für eine Gruppe wie die unsere ist es, keinen Karriereplan zu haben. Wir sind immer offen für andere geblieben, für ihre Fähigkeit, uns etwas vorzuschlagen und umgekehrt. Das bringt uns jedes Mal weiter, das bereichert uns.
Das ist auch mit Bruno Coulais zusammen geschehen, als wir anfingen Filmmusik zu machen. Seitdem haben wir viel Filmmusik gemacht. Wir haben viele Musiker getroffen. Mit einem von ihnen haben wir übrigens das Requiem gemacht. Wir haben Bruno Coulais Orlando Forioso vorgestellt, einem neapolitanischen Regisseur, und seitdem haben sie viele Sachen zusammen gemacht. Das ist keine Flucht nach vorwärts. Das geschieht auf natürliche Weise. Eigentlich haben wir immer das Gefühl von etwas Neuem, etwas noch nicht Dagewesenen.

Tra  Noi: Christina möchte gern, dass Jean-Claude A Filetta mit einem Wort beschreibt.

Jean-Claude: Also…(Jean-Claude unterbricht sich, lacht, will seinen Satz fortsetzen, aber Christina ist streng und sagt „Ein Wort!“) Ein Wort.. Das heißt, ich rede zu viel…
Laurent: Es ist eher, weil wir so viele Fragen haben, und wenn wir sie alle stellen, sitzen wir beim Frühstück noch hier.
Suzan: Ein Wort um A Filetta zu beschreiben, das wäre… A Filetta?
Jean-Claude: Das sind zwei Wörter. Ein Wort… (Jean-Claude blickt sehr konzentriert) ein Wort… das wäre…(wir lachen), das wäre…(wir lachen wieder), ein Wort, das in Richtung anderer Sachen offen ist, weil ein Wort zu schwierig ist. Ich glaube, was mich betrifft, gibt es eine entscheidende Sache… (wir lachen nochmal)
Christina: Nein, ein Wort!
Jean-Claude: Ein Wort… (wir lachen), ein Wort, ich würde sagen SINCÉRITÉ (Wahrhaftigkeit), weil das ein Wort ist, das mehrere Aspekte abdeckt.
Suzan: Ein Wort reicht nicht aus.
Jean-Claude (erleichtert): Genau, absolut.

Tra Noi: Nächstes Jahr besteht ihr 30 Jahre. Gibt es Pläne, das zu feiern?

Jean-Claude: Dieses Jubiläum zu feiern? Keine. Wir haben darüber nachgedacht, 30 verrückte Konzerte zu geben, 30 CDs herauszugeben, es wäre nett gewesen, aber unmöglich. Wir haben also nichts Besonderes. Es gibt Dinge, die weitergehen werden. Wir werden weiter Alben herausbringen, Sachen in Angriff nehmen, die für uns wichtig sind. Es wird nichts Besonderes zum Jubiläum 30 Jahre A Filetta geben.

Tra Noi: Gibt es ein offizielles Datum zur Gründung von A Filetta?

Jean-Claude : Nein. Oktober 1978.

Tra Noi: Was uns als A Filetta-Fans fehlt, ist eine Live-DVD. Bestehen dafür Pläne?

Jean-Claude: Wir haben schon daran gedacht, aber nicht für ein normales Konzert. Es gibt bestimmte Sachen im Repertoire, die es verdienen würden, live aufgenommen  zu werden. Zum Beispiel: die Chöre von Medea. Wir sagen uns jetzt, dass wir sie live hätten machen sollen, und vielleicht als DVD. Weil das eine noch größere Wahrhaftigkeit gehabt hätte.
Als wir Medea aufnahmen, haben wir uns auf bestimmte Sachen konzentriert, und am Ende haben wir gemerkt, dass das nicht das war, worauf es ankam. Und die CD gibt nicht das her, was es live gewesen wäre.
Um auf deine Frage zurückzukommen:, wir denken mehr und mehr daran. Wir wissen auch, dass eine CD etwas sehr viel Kälteres ist. In unserer Art zu singen, gibt es Sachen, die mehr sprechen, als wenn man eine CD hört) Aber wir fragen uns: wäre mit einer DVD ein Konzert dasselbe wie im Konzert? Ich bin davon nicht überzeugt.

Tra Noi: Mal grenzenlos gedacht, welches wäre der verrückteste Traum, den ihr gerne verwirklichen würdet?

Jean-Claude: Ich weiß nicht, ob ich einen Wunsch für A Filetta aussprechen wollte. Ich würde etwas für den Planeten wünschen. Es mag anmaßend erscheinen, aber ich würde den Wunsch so formulieren: Dass unsere Art, in der Musik als Gruppe zu funktionieren, als Vorbild dienen mag.
Was ich sagen will ist Folgendes: Ich würde gerne in unserer Gesellschaft Respekt füreinander sehen, aber auch ein Sich-Ergänzen, Solidarität. Dass man sich gegenseitig braucht, dass einer für den anderen da ist, dass man diese Art zu funktionieren auch woanders in unserer Gesellschaft findet.
Dies ist nach meiner Vorstellung das Wertvollste, was wir geben können.

Tra Noi: Eine Frage zur Gruppe selbst, zum Sich-Ergänzen, zur Solidarität, wie erklärst du sie dir?

Jean-Claude: Das ist ganz einfach. A Filetta basiert nicht nur auf ästhetischen, musikalischen oder künstlerischen Elementen. Die Entstehung der Gruppe reicht ins Jahr 1978 zurück. Die Menschen, die nach und nach in die Gruppe eingetreten sind, sind Leute, die während einiger Zeit einen losen Kontakt mit der Gruppe hatten. Es gab sozusagen eine Art Annäherungsphase, und zu einem bestimmten Zeitpunkt sind sie ins Ensemble eingetreten. Das heißt, sie haben die Erfahrung von gefühlsmäßiger und philosophischer Nähe gemacht. Wenn man sich bei jemandem gut fühlt, kommt man ihm auf natürliche Weise immer näher.
Von der ursprünglichen Gruppe sind nur noch Jean und ich übrig. Danach ist Paul gekommen. Er war mit mir auf dem Gymnasium. Wir kannten uns, aber er sang nicht. Er war der Freund eines meiner Schulfreunde, der selbst gerne sang. Allmählich ist er zur Gruppe hinzugestoßen. Wir haben gemeinsame Interessen entdeckt, den Wunsch etwas zusammen aufzubauen. Mit den anderen war es genau dasselbe. José betreute zusammen mit einem der Gründer von A Filetta eine Gesangsschule in Ile Rousse. Nach kurzer Zeit war er ganz natürlich in die Gruppe hineingewachsen. Mit Maxime ist es dasselbe. Er sang viel Messen in den Confréries (Brüderschaften). Und zu einem bestimmten Zeitpunkt gab es eine Art Osmose, und er ist in die Gruppe eingetreten.
Mit Jean-Luc war es genauso. Als er klein war, kam er zu unseren Gesangskursen. Er hat zwei, drei Mal mit uns bei Passione gesungen, bei Sachen, die wir in Calvi aufführten. Auf natürliche Weise ist er der Gruppe beigetreten.
Bei Ceccè, meinem Neffen, gab es die Familienbande, aber auch ein Konzert in Calvi, in das wir andere Sänger einbezogen hatten. Er hat mit uns geprobt und gesungen. Danach gab es zwei Jahre, ohne dass wir zusammengearbeitet haben. Aber zu einem bestimmten Zeitpunkt sind wir auf ihn zugegangen. Wir wussten, dass wir auf derselben Linie lagen.
Dies sind die Gründe dafür, dass wir einen bestimmten Klang haben. Um einen guten Klang zu haben, reicht es nicht aus, nur einzelne Stimmen zusammenzufügen. Bevor das klappt, muss man viele übereinstimmende Gefühle haben, eine gemeinsame Vision vom Leben, von Korsika, was sie sein könnte, was sie werden soll. Dies alles bewirkt, dass eine Gruppe auf dem harmonischen Gebiet sehr gebunden und straff ist. Es sind auch andere Leute in der Gruppe gewesen, aber sie sind nicht geblieben. Sie konnten sich nicht in diese Art zu arbeiten einfügen. Es kommt oft vor, dass die Leute, die uns auf den Tourneen begleiten, erstaunt über unsere Art des Funktionierens sind. Wir sind so etwas wie eine Herde, wir sind immer zusammen. Wenn einer von uns einkaufen gehen will, ruft er alle anderen an um zu fragen, wer mitgehen will. So funktionieren wir, und das beeinflusst die Musikalität der Gruppe. Wir brauchen das.

Inzwischen sind die Pizzen und der Nachtisch aufgegessen und die Kaffeetassen leer, wir würden gerne unsere Fragen noch bis zum Frühstück stellen, aber die Wirklichkeit schreibt vor, dass die „Männer“ morgen nach Antwerpen fahren, und da es Mitternacht ist, sagen wir Auf Wiedersehen