Rezensionen

Apocrifu | Requiem | NBE & A Filetta | Spitalfields | Johanneskirche | Hasselt | Sfinksfestival

Rezensionen Apocrifu:

Ich will ehrlich sein: wir kauften nur Eintrittskarten für Apocrifu weil A Filetta auftrat, obschon allein das Grund genug war, und wir freuten uns sehr, am Brighton Festival teilzunehmen, dessen Gastdirektorin  Aung San Suu Kyi war. Was wir dann vorfanden, als Apocrifu seinen Lauf nahm, war ein reichhaltiger künstlerischer Mix, der unsere Erwartungen weit übertraf.

Natürlich hatten wir uns auf modernen Tanz eingestellt, begleitet von der polyphonen Musik von A Filetta. Wir kannten schon den aufwühlenden und fesselnden Stil von A Filetta, und Sidi Larbi Cherkaouis innovative Choreographie und eindringliche Botschaft waren keine Überraschung. Aber der charakteristische Tanzstil von Cherkaoui und seinen Gefährten Dimitri Jourde und Yasuyoki Shuto war zugleich unkonventionell und dennoch auf merkwürdige Art vertraut, und er zog uns unaufhaltsam in die Handlung der Aufführung hinein.

Aber es sollte noch mehr kommen. Dies war nicht allein Musik und Tanz, sondern auch Theater. Und das nicht nur durch die Verwendung von Requisiten (Bücher als Trittplatten, als Drohungen und Wände) sondern auch durch das gesprochene Wort, das uns Geschichten erzählte und uns zum Lachen brachte. Und diese wendigen Tänzer waren nicht nur Schauspieler und Komiker, sondern auch hervorragende Puppenspieler, die mit ihren hölzernen Gefährten ebenso geschickt arbeiteten wie mit ihrem eigenen Körper.

Diese außergewöhnliche Mischung und Kombination unterschiedlicher Formen künstlerischen Ausdrucks bezog A Filetta ebenfalls mit ein. Tanz benutzt Musik oft als Hintergrund, als Begleitung, als unterstützendes Moment. In Apocrifu hingegen spielt A Filetta nicht diese Rolle. Die Sänger sind ein integraler Bestandteil der Aufführung; einbezogen in eine Choreographie singen und bewegen sich die sieben Männer gemeinsam und einzeln, als Teil des Tanzes, und tragen so zum Handlungsgeschehen bei. Ihre gesamte Präsenz – die sichtbare und die hörbare – schafft kombiniert mit jener der drei Tänzer eine großartige künstlerische Einheit.

Die Aufführung hatte eine solche Tiefe, dass ich wahrscheinlich nur einen winzigen Ausschnitt dessen, was auf der Bühne geschah, wahrnehmen und würdigen konnte. Ich muss Apocrifu noch einmal sehen – und noch einmal.
©
Helen Neve Mai 2011 Brighton

apocrifuVon dem Augenblick an, als ich die ersten Klänge hörte und einen Tänzer auf der Treppe sah, vergaß ich zu atmen, es war, als ob ich dort allein war.
Ich wusste, dass die Vorstellung intensiv werden würde (da ich Eps Rezension auf unserer Website gelesen hatte), aber was ich sah, übertraf meine Erwartungen. Ich war vollkommen beeindruckt von den Bewegungen der Tänzer, die unglaublich geschmeidig und schnell waren.

Niemals vorher hatte ich die Kraft „des Buchs“ gesehen, so ausdrucksstark, das Buch als Zugang zum anderen, als Waffe, als „stepping-stone“.
Das Spiel der Hände der Tänzer mit den Büchern war absolut faszinierend, ich verfolgte die Hände und war verblüfft zu sehen, dass jeder Tänzer am Ende sein eigenes Buch wiedergefunden hatte.

Währende der gesamten Vorstellung nahm ich viele Symbole wahr, es wurde nur sehr wenig gesprochen, aber es wurde viel gesagt.

Ein Schauder überkam mich, als einer der Tänzer von den anderen verstoßen wurde, dieses Gefühl wurde durch Jean-Lucs Monodie verstärkt, die unmittelbar in das Benedictus überging, vereint mit den anderen Stimmen von A Filetta.
Die Gesänge von A Filetta unterstrichen die Emotion dessen, was ich auf dem Podium sah.

Auf der Bühne passierte so viel, dass ich nur wenig Zeit hatte, A Filetta anzusehen, aber ich habe nicht eine einzige Note verpasst.

Die Stimmung wurde immer wütender, intensiver, und als der letzte Tänzer immer mehr Schwierigkeiten hatte sich fortzubewegen, wurde der Gesang stärker.
Das allerletzte Bild verschlug mir den Atem, und schlagartig wurde mir bewusst, dass ich nicht allein war, ein Seufzer ging durch den ganzen Saal.

Apocrifu, die unausgesprochenen Worte, die noch lange nachklingen werden.
©Laurent Lohez Oktober 2009 Antwerpen

Apokryph
Wörter. Man kann sie lesen, man kann sie verschlingen. Man kann mit ihnen Brücken bauen, man kann Kriege um sie führen. Wörter können leer sein oder gerade vielsagend. Man kann sie irgendwo draufkleben, man kann mit ihnen werfen und man kann sie mit Füßen treten. Letzteres macht der Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui buchstäblich mit seiner Vorstellung Apocrifu.

Is ist fünf Minuten vor elf an einem regnerischen Samstagabend in einem zum Tanztheater umgebauten Straßenbahndepot in Düsseldorf. Endlich schwingt der Vorhang auf. Auf der Bühne sieben Sänger, drei Tänzer, eine Puppe und Bücher, sehr viele Bücher.

Wikipedia: Apokryph ist ein Begriff, der sich auf bestimmte Bücher bezieht, die beanspruchten als Teil der Bibel angesehen zu werden, die aber nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen wurden. Es gibt jedoch auch eine allgemeine Bedeutung. Das Wort „apokryph“ kommt vom griechischen „apokruphos“, was „geheim“, „verborgen“ bedeutet.

Auf den Bühnenbrettern entbrennt ein stürmischer Kampf um die (verborgene) Wahrheit. Die Tänzer winden sich durch den Staub, sie wirbeln sich in Schweiß, um miteinander in Kontakt zu kommen. Sie überschlagen sich, sie stampfen mit den Füßen, sie kämpfen um die Gleichheit. Sie können sich nicht einigen. Natürlich nicht. Die Bücher, die vorher noch  einen Pfad zu einem anderen Menschen ebneten, werden als Wurfgeschosse benutzt. Weh dem, der die Wahrheit spricht, auch wenn er aus Holz ist. Dann kommt der  blanke Säbel zum Einsatz. Bücher werden durchbohrt. Jeder mit einer Meinung gehört getötet. Ist das Schwert doch mächtiger als die Schreibfeder?

Applaus.

Halt, die Geschichte ist nicht vollständig. Das dazugehörige Geräusch haben wir vergessen. Gnadenlos registrieren unsere Ohren die Schläge, wenn die Tänzer mit ihren Füßen, aber manchmal auch mit ihren Knien schmerzvoll hart auf dem Boden landen. Aber vor allem hört man die Schellen an ihren Beinen, von denen sie sich zu befreien suchen. Einem der Tänzer will das jedoch nicht gelingen. Er schluchzt und keucht. Seine Qualen sind beinah greifbar. Und genau er muss als erster dran glauben im survival of the fittest, welches folgt.

Stehende Ovationen.

Wir haben noch etwas übergangen. Die fabelhafte Musik. Für sie sorgen live die sieben Sänger von A Filetta. Der polyphone Gesang dieser korsischen Gruppe verursacht nicht nur in einer Kirche oder einem Zirkuszelt Gänsehaut. Im Tanztheater in Düsseldorf wird trefflich demonstriert, warum der berühmte Filmkomponist Bruno Coulais bereits viele Male mit A Filetta ins Studio abgetaucht ist. Die Intensität des Gesangs passt nahtlos zu Bildern, die, wie auch immer, schon Emotionen hervorrufen. So mündet die Zusammenarbeit zwischen Sidi Larbi Cherkaoui und A Filetta in eine ungeahnte Synergie, vor allem auch weil die sieben Sänger als Riesenschachfiguren zur ausgefeilten Choreographie von Apocrifu beitragen.

Verbeugung.

Als Letztes bleibt der schmachvolle Abgang des letzten Überlebenden, die Treppe hoch. Oben angekommen zögert er keine Sekunde und stürzt sich zu den schon absterbenden klagenden Klängen von A Filetta in die Tiefe. Man kann die anderen zwar ermorden, aber man erreicht damit nichts, denn man war doch schon allein. Jeder für sich sitzen wir eingeschlossen in der Isolierzelle unserer eigenen Wahrnehmung. Über die Wahrheit werden wir niemals Einvernehmen erzielen. Als ob die Wahrheit für gewöhnliche Sterbliche erreichbar wäre?

Vorhang.
©Ep Meijer November 2008 Düsseldorf

Rezensionen Requiem:

 

“Agnus Dei” – Di Corsica Riposu, Requiem pour deux regards

“Ringrazii di core”
©Marilena Verheus, l’Aghja, Ajacciu 11 April 2011

“Ich möchte nichts sagen, ich möchte nur zurückdenken an das intimste, intensivste und erhabenste Konzert, das ich besucht habe …”
©Suzan Lohez, Bouffes du Nord, Parijs 25 April 2011

Manchmal ist es besser abzuwarten, nicht sofort zu reagieren, oder in meinem Fall eine Rezension zu verfassen. Aber nach fast einer Woche kann ich nicht anders, als mich hier wie folgt zu äußern…
Es ist das, was ich Montagabend nach dem Konzert von A Filetta in Paris aufschrieb:

Ich stehe unter Schock ! Mit fast fünfzig Jahren war das heute Abend das schönste Konzert, das ich je gesehen habe.

Nicht im « Stade de France », nicht im « Gelredome », « Vorst Nationaal », « Werchter“ oder im Sportpalast von Antwerpen. Nicht mit U2, nicht mit Springsteen, den Rolling Stones, Prince oder einem anderen großen Star…
Sondern mit A Filetta im unbeschreiblich schönen und sehr kleinen Theater „Bouffes du Nord” in Paris. Von außen schrecklich, mit dem Lärm der Metro-Station “La chapelle” im Hintergrund, dem Hupen der Motorroller und Autos – die normale Atmosphäre einer Großstadt.

Im Inneren, völlige Stille und eine beeindruckende Schönheit! In der Mitte, ein kleines Podium, umgeben von ochsenblutroten Wänden, hier und da abgetragen vom Zahn der Zeit, so wie ich es auch in der „Villa dei Misteri“ in Pompeji sah. Säulen und Kuppeln erinnern mich an die alte Moschee in Istanbul und dann beginnt das Konzert!

Ich weiß, dass ich geweint habe, derart gerührt war ich, derart ergriffen, mit dicken  Tränen auf meinen Wangen, aber ich war nicht der einzige.

Ich weiß nicht, ob ich nach den ersten Minuten weiter geatmet habe, völlig hingerissen von A Filetta und Daniele di Bonaventura am Bandoneon.

Intim, schlicht, dunkel, traurig, bewegend, wie es sich für ein Requiem gehört…

Die sieben, Sänger in Schwarz gekleidet, ganz versunken in der Musik, manchmal allein stehend, dann wieder Kontakt suchend, einander umarmend, unterstützend, das Bandoneon klagend, wimmernd, keuchend, das Publikum schweigend.

Notte Tralinta, Kyrie, Figliolu d’ella, Meditate, Agnus Dei, Altrunimu, In Paradisum… Leben ist in jedem Fall auch sterben.

Nach dem Konzert kann ich keinen Schlaf finden, die Musik geht mir nicht aus dem Kopf.

A Filetta – Di Corsica Riposu, Requiem pour deux regards: Etwas Schöneres als das gibt es nicht.
©Eric Viskens, Bouffes du Nord, Parijs 25 April 2011

requiem-parijs“In ungeduldiger Vorfreude erwarteten wir dieses Requiem, nachdem wir die kürzlich erworbene CD mehrmals gehört hatten. Wir treffen auf Valérie und Sabine, auch auf unsere Freunde Suzan und Laurent mit ihrem Sohn Julien (der jüngste Fan von A Filetta, so verkündet sein T-Shirt) und bald ist Einlass, in den bemerkenswerten Saal des Theaters „Bouffes du Nord“. Ein Dekor, etwas „roh“ vielleicht, aber sehr komfortabel.

Wir nehmen Platz, entdecken andere Freunde, ein paar bekannte Gesichter (Don Kent, Bruno Coulais…) und das Konzert beginnt. Jeder ahnt, dass es ein großer Abend werden wird. Das Publikum ist aufmerksam und konzentriert und unsere Freunde in Höchstform. Gleich bei Di Corsica Riposu ergreift uns der Gesang. Ein wunderschöner Titel, in Perfektion dargeboten von Jean-Claude, begleitet durch einen sog. „Bordon“ (Halteton) von erstaunlicher Durchhaltekraft. Im Unterschied zur CD stimmt Daniele (sehr diskret) in das Stück ein und fügt den Bass-Stimmen den Ton seines Bandoneons hinzu. Das folgende Miserere: ebenfalls begeisternd. Jean-Luc beginnt den Gesang und im Anschluss ist die Stimme eines jeden Sängers erkennbar, die von Paul, Maxime, Jean, José, Ceccè, Jean-Claude…

Kein Applaus (gemäß ausdrücklicher Bitte vor dem Konzert) zwischen den einzelnen Titeln, die sich aneinander reihen, mit jeweils einigen Sekunden zum Atemholen. Einzelne Unterbrechungen durch gesprochene Texte von Jean-Claude, eingeleitet durch Daniele, verlängern diese Verschnaufpausen vor weiteren Stücken. Die Einlagen von Daniele sind großartig und von einer absoluten Genauigkeit. Was für ein Musiker!

Das Konzert nimmt seinen Lauf, das Publikum, fasziniert, gerät zunehmend mehr und mehr in seinen Bann; jeder, der zuschaut, zuhört, stellt seine Atmung auf die der Sänger ein, mit dem Risiko zu ersticken!

Das Requiem schließt mit In Paradisum und endlich darf das Publikum Beifall spenden. Und es spart nicht damit: in einem Donner entlädt er sich, in etlichen „Bravo“, über dem Theater „Bouffes du Nord“.
Jean-Claude kündigt ein weiteres Stück an, als eine Art Gegenpol zur Stimmung des Requiems: La folie du cardinal, Satire auf religiösen Gesang. Nach einem erneuten Sturm von Applaus, kommen die Sänger noch einmal, während Daniel in der ersten Reihe im Publikum Platz nimmt. Jean-Claude verspricht einen unvorbereiteten Titel Georgiens: das wunderbare Ghmerto. Aber das Publikum möchte den Abend immer noch nicht beenden und unsere Freunde, diesmal wieder mit Daniel, bieten uns als Abschluss U Sipolcru.
Ein grandioser Abend!”
©Jean-Claude Casanova (l’Invitu), Bouffes du Nord, Parijs 25 april 2011

Rezensionen ‘Huil, klaag, bid en bemin’:
März 2011 Nederland

“Ein weiter Halbkreis im Hintergrund: die Plätze für die Instrumentalisten des NBE. Vor ihnen: eine dunkel schimmernde große Art Schaufensterpuppe mit einem weißen Heiligenschein. Lichteffekte dieser Figur werden später im Programm der Gegenspieler für die Solo-Fagottistin sein, im „Ricercare voor fagot en licht“. Ganz vorne: die Pulte für den gewohnt kleinen Halbkreis der A Filetta-Sänger. Gespanntes Warten. Für dieses Konzert bin ich 250 Kilometer aus Münster (Deutschland) angereist.

Musik! Jean-Luc betritt die Bühne, singend, ganz allein. Ihm folgt bald ein Kontrabassist und ein Bläser, nach und nach schließen sich ihnen die anderen A Filetta-Sänger und die  NBE-Instrumentalisten an, alle singend und spielend, bis jeder seinen Platz erreicht hat. Die Musik geht weiter, und ein Sprecher trägt dazu einen kurzen Text voller Humor und Nachdenklichkeit vor. Zal de wereld echt morgen rond koffie tijd ontploffen? Und genauso, in umgekehrter Reihenfolge, wird das Konzert auch später enden. Dazwischen: anderthalb Stunden Musik ohne Pause – durchgehend im Zusammenspiel von Instrumentalisten und Sängern, mit sehr kreativen Arrangements und ohne dass eine Gruppe die andere dominiert. Ernst Reijseger hat Kompositionen extra für dieses Konzert geschrieben, oder A Filetta-Titeln ein neues Gewand mit NBE-Begleitung gegeben.

Die Polyphonie der Singstimmen verwebt sich mit Instrumenten wie Bassklarinette, Posaune, Oboe oder Violine. Mal legt AF einen Klangteppich unter zerrissen-klagend getupfte Musik des NBE, mal setzt das NBE neue Akzente in großartigen A Filetta-Titeln wie „L’Arditezza“, „Treblinka“ oder „Liberata“. Und wenn eine weinende Oboe oder eine gefühlvolle Posaune den Solopart von Jean-Claude übernimmt, sind das ganz besondere Momente. Kurz vor Schluss „Sub tuum“ – umwerfend!  Mir entfährt ein leises „Bravo“, obwohl es keinen  Applaus zwischen den Stücken gibt. Am Ende Standing Ovations und nicht enden wollender begeisterter Applaus! Das Publikum gibt sich erst zufrieden, als es noch ins Foyer zu einer kleinen musikalischen Zugabe eingeladen wird. Dort kann man auch die Musiker treffen (und sich z.B. schöne Autogramme holen). Die A-Filetta-Sänger sind sehr sympathisch!

Mein besonderes Glück an diesem Abend habe ich noch gar nicht erwähnt: Mein Platz im Konzertsaal war zwar in der ersten Reihe, aber weit links an der Seite, und zu Beginn des Konzerts merkte ich, dass ich vom Halbkreis der AF-Sänger nur den Rücken von Maxime und  Ceccè sehen konnte. Enttäuschend! Aber o Wunder, genau in der Mitte der ersten Reihe, direkt vor den Sängern, waren vier Plätze unbesetzt geblieben. Und als zwei andere Zuschauer im Dunkel schnell dorthin schlüpften, wagte ich diese Aktion auch. Und da saß ich nun, keine zwei Meter von A Filetta entfernt, und konnte mein Glück kaum fassen: jedes Mienenspiel, jede Handbewegung, jeden Blickkontakt, jede gehauchte Note durfte ich mitverfolgen und bekam einmal sogar ein flüchtiges Lächeln von Jean-Claude geschenkt. Dieser Abend wird mir unvergesslich bleiben!
A Filetta hat wieder einmal gezeigt, wie sehr sie fähig sind, aus dem Zusammenwirken mit anderen Musikern neue Impulse aufzugreifen. NBE und AF zusammen haben das Publikum verzaubert.”
©Gabriele Mertens, Duitsland

“Am Freitagabend, den 11. März, haben mein Mann und ich die Vorstellung Weine, klage, bete und liebe des Nederlands Blazers Ensemble und A Filetta in Harlem genossen.
Alte Klänge in neuer Verpackung. Ein ausgewogener Zusammenklang zwischen Blasinstrumenten und Sängern, das ist echte Musik. Danke.”

©H. Spaanderman, Uitgeest

“Ich habe die Musik schön gefunden! Es beginnt langsam und mit dem Orchester wird es immer lebendiger und lauter. Besonders liebe ich die große Trommel, und die Geige konnte so seltsame Töne von sich geben, das fand ich prima. Es war, als ob wir in einer großen Kirche wären, denn das Licht war wie die Fenster einer Kirche. Am zweitbesten, nach der großen Trommel, hat mir die Oboe gefallen, besonders wenn sie allein mit A Filetta gespielt hat.”
©Julien Lohez 7 jaar

“Sonntag: wir schalten vorzeitig ein, um NL1 (Anm.: niederländisches Fernsehen) zu sehen und geraten unverhofft in die Vorstellung einer Gruppe von Männern. Es verschlägt mir den Atem – total fasziniert schaue ich zu… A Filetta, ein Name, von dem ich nie zuvor gehört habe. Als angesagt wird, dass die Gruppe morgen in Arnheim auftritt, mit einem anderen fantastischen Ensemble von Musikern, wechseln mein Mann und ich einen Blick und beschließen, dass kein anderer Termin wichtiger sein kann als ein schöner Abend mit dieser Musik. Und wie haben wir ihn genossen! Fantastisch! Das Konzert war nicht ausgebucht, aber als der Applaus losbrach, war mir sofort klar, dass viele andere es genauso genossen hatten wie wir. Bis zum Schluss herrschte absolute Stille im Saal – und das eine Stunde und 30 Minuten lang! Was für eine beeindruckende Musik, was für eine feierliche Stimmung. Es wird bestimmt nicht das letzte Mal sein, dass wir A Filetta genossen haben! “
©Mariëtte Custers, Arnhem

“Ich habe nach einem Konzert noch nie so laut und so lange geklatscht!”
©Cobi, Groningen

“Gestern Abend haben wir ein wunderbares Konzert in Zoetermeer gesehen – und gehört. Anfangs hatte ich etwas Sorge, dass die A-Cappella-Gesänge von A Filetta in der musikalischen Kraft des NB-Ensembles untergehen würden. Aber das war nicht der Fall. Die Balance war gut. Man konnte den gegenseitigen Respekt spüren und erleben, wie jeder die Musik des anderen genoss. Anderthalb Stunden große Klasse!”
©Harry & Rika, Zoetermeer

“Einer nach dem anderen – jeweils gemischt – betreten die Sänger von A Filetta-Sänger und die Musiker des Nederlands Blazers Ensembles die Bühne, und es beginnt ein Abend mit atemberaubender Musik. Ergreifend von der ersten Minute an, und von intensivem Reiz.

Die Szene nüchtern, alle in Schwarz gekleidet, Kirchenfenster auf die auf die Seitenwände des Theaters projiziert.

Manchmal mutet sie seltsam an, die Kombination zwischen der modernen und hektischen “städtischen Musik“ des NBE und den Liedern der alten korsischen Polyphonie. Einmal sind es A Filetta, die den Hauptpart übernehmen, ein anderes Mal bringen sie uns mit dem NBE zusammen zum Weinen, der Kontrast könnte nicht größer sein. Am Ende des Konzerts erhalten sie zu Recht standing ovations.

Und zum Abschluss, im Foyer, geben die Musiker des NBE und A Filetta noch ein paar Zugaben. Die zweistündige Heimfahrt zurück nach Belgien haben wir schweigend verbracht, noch ganz unter dem Einfluss des Konzertes.”
©Eric Viskens, België

“Ich, Lieve van Voorthuijsen, habe teilgenommen an der Het Half Uur (halben Stunde), einem Projekt mit dem Nederlands Blazer Ensemble. Wir sollten unsere eigene Vorstellung machen zum Thema „Weine, klage, bete und liebe“. Es war wirklich toll! Nach unserem Auftritt durften wir im Konzertsaal sitzen und dem NBE und A Filetta zuhören. Ich war begeistert. Als A Filetta zu singen anfingen, war ich völlig sprachlos. Ihre Stimmen, zusammen, waren so schön, dass man sagen könnte, es sei nur eine. Ich verstand nicht, was sie sangen, aber es klang sehr ergreifend, so als ob sie sich ganz eins mit der Musik fühlten. Ich hatte den Eindruck, sie sangen keinen Text, sondern sie übertrugen ihre Gefühle durch musikalische Klänge. All ihre Empfindungen legten sie in ihren Gesang und wir konnten sie heraushören. Ich habe das sehr bewundert.”
©Lieve, leerling van het Eerste Christelijk Lyceum Haarlem

“Am 12.03.2011 haben wir in Zoetermeer am großartigen Konzert von A Filetta in Kollaboration mit dem Nederlands Blazers Ensemble teilgenommen – und sehr genossen.
Von einer bisher nie erlebten Schönheit und das bei uns „Nordländern“ in einem holländischen Theater. Leider war der Ton ein bisschen zu „trocken“. Wir mögen eher den Klang einer großen französischen Kirche. Wir reihen sie ein in unsere Liste der korsischen Polyphonie mit Jean-Paul Poletti, Nadine Rosello und Barbara Fortuna.”

©Loes & Cees den Hollander

“Korsischer A-cappella-Gesang als Ritual von Abschied und Trauer.”
©René van Peer

Weine, klage, bete und liebe. Das Niederländische Bläser Ensemble (Nederlands Blazers Ensemble/NBE) 12/3 Stadstheater, Zoetermeer.

Ein Konzert mit der korsischen A-capella-Gruppe A Filetta erinnert an eine Totenwache. Zum Repertoire der traditionellen Polyphonien Korsikas, hervorgegangen aus älteren liturgischen Musikformen, gehören geistliche Gesänge und Lamenti (Klagelieder). Die führende Melodie durchläuft wilde verschlungene Pfade und wird ab und zu durch eine zweite Stimme unterstützt. Die übrigen Sänger setzen ihre Ornamente hinzu, in langen Passagen mit verschiedenen Stimmen und wechselnden Akkorden, mit einem sanften und gleichzeitig rauen Timbre. Die Instrumente der Bläser umspielen diesen Gesang in der Art eines klingenden Strahlenkranzes, sich manchmal auch in einem Solopart über ihn erhebend. Gezielt eingesetzte dumpfe Schläge auf der großen Trommel geben der Musik einen kontemplativen Rhythmus, was wunderbar zu einem Ritual von Abschied und Trauer passt.

Die Lieder der Korsen, überwiegend vom Leiter des Ensembles, Jean-Claude Acquaviva, geschrieben, fügen sich nahtlos ein in die Kompositionen von Ernst Reijseger, der neben seinen Improvisationen für seine Filmmusik bekannt ist.

Der Spannungsbogen hält sich durch das ausgewogene Spiel Reijsegers, ein Spiel voller Abwechslungsreichtum und Emotion. Selbst die manchmal langen Phasen der Stille lösen keinen vorzeitigen Applaus aus.
Dieser Artikel wurde veröffentlicht im NRC Handelsblad, Montag, den 14, März 2011, Seite 22-23

Ausgefeilte und herzergreifende Stimmen
Es trifft bis ins Mark, wenn die sieben Männer von A Filetta ihre Klagelieder vortragen. Die Stimmen dieses korsischen Ensembles sind ausgefeilt und herzergreifend. Die Musiker des Nederlands Blazers Ensembles setzen hier und da einen sanften Übergang hinzu oder akzentuieren den Gesangsausdruck  mit bedrohlichen Resonanzen.
Die korsischen Texte sind nicht zu verstehen, aber ihr Inhalt lässt sich leicht erraten. Da gibt es Leid, da wird von Grausamkeiten berichtet. Die Gesten der Sänger sprechen Bände: Gesichter, von Leid zerrissen, Hände, neben dem Kopf erhoben, ein tröstender Arm auf die Schulter gelegt.
Jean-Claude Acquaviva und seine Männer erwecken seit dreißig Jahren diese jahrhunderte-alte Gesangstradition Korsikas zu neuem Leben.
Bart Schneemann, Oboist und künstlerischer Leiter des Nederlands Blazers Ensemble, ist ebenfalls tief beeindruckt von der Ausstrahlungskraft der Korsen und möchte sich mit ihnen zusammentun – in der Überzeugung, dass die Grenzen zwischen Weltmusik und klassischen Kompositionen, Theater und Konzert gesetzt sind, um sie zu durchbrechen.
So wie es für das Programm “Weine, klage, bete und liebe” gilt, mit dem ihm eigenen Charakter eines beeindruckenden Rituals. Zu Beginn betreten die Musiker, einer nach dem anderen, singend und spielend die Bühne, und ziehen sich am Ende auch wieder zurück, einer nach dem anderen.
Ernst Reijseger ist es gelungen, eine Osmose herzustellen zwischen den korsischen Gesängen und seinen eigenen Kompositionen durch das Hinzufügen von instrumentalen Mitteln: Instrumente mit ihrem eigenem Stil, eine gespenstische Violine, Bläser, die falsche Melodien ausstoßen, starke Rhythmen, bedrohliche Trommelschläge und ein spielerisches Duell zwischen einem Fagott und einer angestrahlten Figur. Doch durch ihre düstere Stimmung und die eher dunkel gefärbten Klänge, kombinieren sie sich wunderbar mit dem Gesang von A Filetta.
Das Bläser-Ensemble weitet die Grenzen auch auf das erzieherische Niveau aus. Mit dem ersten Teil des “Het half uur” (Die halbe Stunde), zieht das Ensemble auch junge Menschen an, nicht nur in die Kinos, sondern auch auf die Bühne. Und so haben die Schüler des „Premier Collège Chrétien“ auf ihre Weise das Thema Weine, klage, bete und liebe interpretiert. Mit Sketchen und Songs haben sie die Jahre 1960 bis 2011 in Bilder umgesetzt. So trugen sie als Rap vor: “Die Jugend von heute hat an Kultur verloren. Ihr Musikgeschmack ist völlig verdorben.” Aber mit dem NBE brauchen sie keine Angst zu haben.
Winand van de Kam
Dieser Artikel wurde veröffentlicht in Haarlems Dagblad, Montag, den 14. März 2011, Seite 13

Rezensionen: Spitalfields festival

‘Von Korsischem Boden’

Wenn man in Großbritannien lebt und korsische Musik mag, sind Live-Konzerte in der Nähe des Wohnortes äußerst dünn gesät, deshalb versprach ein A Filetta-Konzert in London, in der Christ Church Spitalfields, ein echter Weihnachtsgenuss zu werden.

Die Straße hinunterzulaufen in Richtung Veranstaltungsort war ein wunderbarer Beginn des Abends. Die Kirche aus dem 18. Jh. war angestrahlt, und die Kirchturmspitze erhob sich über uns im Nachthimmel. Die Christ Church Spitalfields ist vom britischen Architekten Nicholas Hawksmoor entworfen worden (ein Zeitgenosse Christopher Wrens), als Teil des Bemühens, ausreichend viele Kirchen für die „gottlosen Tausende“ zu schaffen, die direkt außerhalb der City of London lebten. Zu diesen Tausenden gehörte eine große Zahl französischer hugenottischer Seidenweber, die kurz vorher aus Frankreich vertrieben worden waren. Welch ein interessanter Auftrittsort für eine Gruppe aus Korsika!

Drinnen nahmen wir in dem riesigen Kirchenschiff Platz und hörten dabei das Geplauder unserer Sitznachbarn – das meiste auf Englisch, aber auch  einiges Französisch. In unserer kleinen Gruppe waren zwei A Filetta-Fans, aber die Dritte war aus Neugier mitgekommen, und ich  war gespannt, wie sie es finden würde. Dieses würde ein ungeschminkter A Filetta-Abend werden – reine a-cappella-Musik aus den Tiefen des Mittelmeerraums.

Das Konzert sollte auf dem Bracanà-Programm von A Filetta beruhen, und wir begannen mit O Salutaris Hostia. Ich war überrascht – nicht enttäuscht – aber überrascht, als die ersten Noten trotz des erwarteten wundervollen Gesangs nicht die übliche emotionale und physische Wirkung auf mich ausübten, diese Wirkung, die ich inzwischen von korsischer Musik erwarte. Ich bin wohl müde, dachte ich und lehnte mich zurück, um trotzdem die Vorstellung zu genießen. Ich schloss die Augen und ließ mich von der Musik hochheben und forttragen. Eine Paghjella und das Agnus Dei später erblickte ich Korsika. Das Publikum war in den Bann geschlagen und applaudierte begeistert. Das Benedictus begann, und ich merkte plötzlich, dass mein Herz und mein Bauch wie üblich umgedreht waren und ich London weit hinter mir gelassen hatte. A Filetta hatte ein korsisches Wunder bewirkt, Spannung aufgebaut, uns alle vereint und das Problem gelöst – überraschend heikle akustische Verhältnisse. Was für ein Triumph!
Danach waren meine Augen weit geöffnet! Wir waren verzaubert von dem komplexen Gewebe von Noten und Silben, dem feinsinnigen Zusammenspiel dessen, was man hörte und dessen, was man sah. Die Herrlichkeit von Meditate und von Jean-Claude Acquavivas Figliolu d’ella; die Faszination dieser vertrauten Stimmen, die uns in ein anderes Land und in eine andere Kultur mitnahmen, als sie Makharia, das georgische Gebet, sangen.

Wir fanden sie wundervoll, und natürlich gaben sie uns eine Zugabe. Unsere Freundin war fasziniert und begeistert. Nach dem Konzert hatten wir das Glück, ein paar Worte mit den Sängern zu wechseln, und es erstaunte uns nicht, Jean-Claude Acquavivas  Kommentar über die trockene Akustik zu hören, und über die Anstrengungen, die nötig waren, um uns das volle A Filetta-Erlebnis zu ermöglichen. Sie haben es auf jeden Fall geschafft. Bravo!
©Helen Neve, 14 december 2010

Rezensionen Konzert Johanneskirche Dusseldorf:

Sette

Sette omi ind’u coru
Tutti vistuti di neru
Chjodu l’ochji, m’innamoru
Nasce un amore veru
Voce di passione piene
Cantanu i so guai è pene

Ind’a ghjesgia alimana
Ùn si sente manc’un ansciu
S’intravede a forza arcana
È lu cantu dolce è lisciu
Trà lu soffiu è l’ardore
Ci diventa spannacore

Visi sette, sguardi sette
Sprimenu dulore è pace
Emuzione da riflette
In ogni stonda fugace
Ochji chjosi o spalancati,
Sguardi sette incantati

Cenni piatti o palesi
Mai si ferma lu currente
Mani in ballu, corpi tesi
Strinte leste ma putente
Linda corre l’energia
È face nasce a magia

Fora u tempu  s’hè piantatu
Ùn estiste chè stu tempiu
Locu di cantu beatu
Di l’armunia esempiu
Ci rallega a passione
Tutt’inseme in cumunione

Sieben

Sieben sind sie vor dem Altar
Allesamt in schwarz gekleidet
Ich schließe die Augen, lasse mich fallen
In wahre Liebe, die mich ergreift
Stimmen voller Leidenschaft
Singen ihr Unglück und ihre Pein

In der deutschen Kirche
Herrscht absolute Stille
Zu spüren ist nur die geheime Kraft
In diesem sanften Fluss der Lieder
Und zwischen Seufzen und Ungestüm
Tun sich alle Herzen auf

Sieben Gesichter, sieben Blicke
Offenbaren Leid und Frieden
Empfindungen, die zu denken geben
In jedem flüchtigen Moment
Geschlossen oder weit geöffnet
Sieben fesselnde Augen-Blicke

Gebärden, sichtbar, auch verborgen
Ein nicht enden wollendes Strömen
Spielende Hände, gespannte Körper
Einander umarmend, fest und spontan
Pure, fließende Energie
Und was sie erzeugt, ist reine Magie

Die Zeit draußen ist stehen geblieben
Nur diese Kirche hat Bestand
Als Ort eines göttlichen Gesangs
Einer beispielhaften Harmonie
Wo sich alle beseelt zusammenschließen
In einer gemeinsamen Kommunion

©Marilena, september 2010

Rezensionen Konzert Hasselt:

Die Gänsehaut bleibt.

Es mag etwas zwanzig Jahre her sein, ich stelle das Radio an, ein belgischer Sender, und ich  weiß nicht, was ich da höre. Es sind singende Männer, a cappella, Stimmen, die sich abwechseln und sich durcheinander weben. Es hat einen Anflug von mittelalterlichem Mönchsgesang, dann aber doch auch wieder nicht, und man kann es auch nicht als Musik aus dem arabischen Raum bezeichnen. Es dauert nur kurz, offensichtlich ist es gerade der letzte Teil. Kommt noch mehr? Nein, da ist die Ansagerin. Ich kritzele gerade noch „korsische Polyphonie“ auf einen Zettel.
Kurz darauf bin ich bei einem Freund, einem Liebhaber von Volksmusik. Er sagt: „Jetzt will ich dich mal was hören lassen…!“ Ich höre und sage mit beiläufigem Gesichtsausdruck, das ist korsische Polyphonie. Er ist natürlich perplex, wie ich das wissen konnte. Aber inzwischen war ich der korsischen Polyphonie schon verfallen, war geradezu versessen darauf. Die erste CD, die ich kaufte, war Ab Eternu von A Filetta. Ich muss gestehen, dass ich damals nicht einmal wusste, ob Ab Eternu der Name der CD oder der Gruppe war.

Gut, das war damals. Jetzt, so viele Jahre und etwa 40 CDs mit korsischer Musik später, bleibt A Filetta für mich in ihrem Genre das Spitzen-Ensemble. Ihre CDs zu hören, heißt genießen. Ein Konzert wie jetzt in Hasselt ist eine Erfahrung, bei der ich über den Weg meiner Ohren in meinem  Herzen berührt werde. Der Leser versteht inzwischen, dass der Schreiber dieser Zeilen nicht ganz unparteiisch ist.
Das erste Konzert von A Filetta, das ich besuchte, war 2006 auf Korsika, in Calvi. Es war das Medea-Projekt. Das ganze Konzert über vorne auf der Stuhlkante gesessen, mitten im totenstillen Publikum. Kein Applaus zwischendurch, konzentriertes Zuhören, aber auch Schauen. Als der Applaus losbrach das Gefühl, dass man aufwacht, nachdem man in einer anderen Welt gewesen ist. Was das Schauen angeht, gibt es denn etwas zu sehen bei sieben Sängern, die, wie jetzt auch wieder in Hasselt, Schulter an Schulter im Halbkreis stehen, meist religiös gefärbte Lieder zu Gehör bringen? Die Antwort ist: allerdings! Jean-Claude Acquaviva wird allgemein als die treibende und inspirierende Kraft angesehen. Das vermittelt er allein schon durchgehend mit seinen Gebärden und seiner Mimik. Korsischer Gesang hat einen hohen Gehalt an Emotion. Ich höre Wehklagen, Jubel, Weinen. Man kann all dies bei Jean-Claude an seiner Körperhaltung, seinem Gesichtsausdruck und an den Gebärden seiner  Arme, Hände und Finger ablesen. Die Gruppe wird scheinbar mühelos mitgezogen, das Timing ist perfekt.
Auch untereinander geben die Männer die Signale weiter, ein Arm wird um den Nachbarn gelegt, das erhöht das Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich stelle mir vor, dass Dinge wie Tempo, Rhythmus, Lautstärke durch diesen physischen Kontakt vermittelt werden. Wenn ich meine Augen schließe und mich nur auf die Musik konzentriere, dann höre ich Gesang, den man virtuos nennen muss. Aber ich höre auch, dass diese Virtuosität, die sich auf jahrelange Erfahrung gründet, nicht auf Kosten der echten Botschaft geht. Diese Botschaft ist für mich nicht einmal der Textinhalt, sondern das Gefühl, das dieser musikalischen Verpackung innewohnt.

Von allen bekannten korsischen Ensembles gelingt es gerade A Filetta am besten, die menschliche Stimme so zu gebrauchen, dass die Emotion auch wirklich beim Zuhörer ankommt. In Hasselt wird die gesamte Bandbreite von leise, laut, schnell und langsam hervorgeholt. Abwechslung auch in der Besetzung, ab und zu tritt eins oder mehrere der Ensemblemitglieder einen Schritt zurück. Einige Teile werden so leise gesungen, dass ich  sie nur mit Wörtern wie schwach und zart und beschreiben kann. Die Töne werden dann oft lange ausgehalten. Für mich ein typischer A Filetta-Klang. Dann scheint sich im Saal  niemand zu bewegen und jeder den Atem anzuhalten. Da ist nichts mehr, nur noch die Musik und ich.
Ich höre das Solo von Jean-Luc Geronimi. Seine Stimme ruft in mir das Bild des gaukelnden Flugs eines Schmetterlings hervor. Es ist auch ein Klang, den ich mit Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit assoziiere. Durch das Konzert dieses Abends erfahre ich erneut, wie sehr diese Gruppe es vermag, eine fast in Vergessenheit geratene Tradition des Volkes lebendig und interessant zu halten. Und wie neue Kompositionen und Arrangements dieser Tradition keinen Abbruch tun.

Ja, und da wir nun einmal in Belgien waren, dann auch gleich am nächsten Abend zum Konzert in Turnhout. Ein bisschen zu viel dasselbe? Oh nein, zweimal genießen!

Sind Sie noch nie in einem Konzert von A Filetta gewesen? Seien Sie vorgewarnt, es kann süchtig machen!
©Frans  Dingemanse, april 2010 Hasselt

Rezensionen Sfinksfestival

Denn Engel herniederkommen

„Das wir schwer werden“, flüstert mir Jean-Claude zu, als wir zusammen zu dem Zirkuszelt gehen, in dem er und die sechs anderen Sänger von A Filetta auftreten werden. Ort des Geschehens ist das Sfinks Festival in der Nähe von Antwerpen, und das ist nun einmal nicht die ideale Kulisse für eine Musikform, die aus dem 11. Jahrhundert stammt: die Polyphonie. „Das ist wahrhaftig keine Kirche“, scherze ich, „Wo sind die Clowns?“
Jean-Claude ist schon seit vier Uhr morgens auf den Beinen und lacht wie ein Bauer mit Zahnschmerzen.

Eine Stunde später. Etwa tausend Zuschauer bevölkern das Zirkuszelt, als die sieben Korsen schwarz gekleidet die Bühne betreten. Basstöne anderer Musik-Acts und der Lärmpegel der übrigen Festivalbesucher geben einen irritierenden Geräuschhintergrund. Aber Jean-Claude holt eine Stimmgabel aus der Brusttasche und schlägt sie gegen seinen Wangenknochen, und danach ist auf seinem Gesicht eine deutliche Verwandlung zu sehen. Ist es eine Grimasse des Schmerzes, der Leidenschaft? Die sieben Herren haben bereits zu singen begonnen. Es klingt klagend, man kann gregorianischen Gesang erkennen, aber auch arabische Einflüsse. Vor allem ist es unbeschreiblich schön. Ich muss schlucken, und als ich um mich schaue, geht es den anderen Zuschauern ebenso.

©SuzanLohez, Sfinksfestival 2008

Die Basstöne, der Lärmpegel sind noch immer da, aber in Zuge des Auftritts erreicht  das Zirkuszelt eine andere Dimension, in der eigene Gesetze gelten. Das Publikum, die Sänger selbst, niemand hört mehr den Lärm im Hintergrund. Nur die sieben Stimmen von A Filetta geben den Ton an. Zwischen den einzelnen Nummern reagiert das Publikum mit immer stürmischerem Applaus. Vor mir legt ein Mann sich auf den Rücken und schließt genussvoll die Augen. Neben mir sehe ich Tränen über die Wangen einer Frau laufen. Und ich? Ich merke, dass mein Mund regelmäßig offen steht, und ich habe Gänsehaut.

Die letzte Nummer. Die sieben Stimmen ersterben, bis am Ende nur noch ein Murmeln zu hören ist. Dann weiß ich es sicher: Engel sind auf die Erde herniedergekommen. Das dankbare Publikum ist außer sich. Und ebenso dankbar nehmen Jean-Claude und die Seinen die Standing Ovations entgegen.

„Na“, frage ich hinterher, „war es schwer?“
Jean-Claude grinst über beide Ohren. „Am Anfang schon“, gibt er zu, „aber dann ist etwas geschehen.“
„Stimmt“, sage ich, „der Himmel hat sich ein wenig geöffnet.“

©Ep Meijer 2008