dvd: A Filetta, voix Corses

Hier finden Sie die Übersetzung der DVD Les Voix Corses.

1. A Paghjella  di l´Impiccati

JeanClaude
Der Gesang – ich glaube, dass der Gesang in diesem Land immer eine Funktion des Teilens hatte. Er hatte immer die Funktion Gemeinsamkeit zu teilen, in gewisser Weise. Er war immer der Gesang der Gemeinschaften, der Gesang der schweren Arbeit, der Gesang, mit dem der Schmerz geteilt wurde, der Gesang des Teilens in der Schlacht. Vor allem war der Gesang für uns auf Korsika immer ein Mittel, jemanden anderen wertzuschätzen, einen anderen als Zeugen anzurufen, ihm etwas zu sagen.

2. Paghjella

José
In meiner Familie gab es niemanden, der sang. Es kam, weil wir damals Sachen zu sagen hatten,  wir hatten Sachen zu fordern. Wir pflegen zu sagen, dass wir Flugblatt-Lieder sangen und komponierten. Wir mussten uns ausdrücken, und das passierte notgedrungen durch den Gesang.

Maxime
A Filetta ist mehr eine Familie als eine Gruppe, würde ich sagen. Wenn du in diese Gruppe eintrittst, schaut man nicht danach, ob du eine schöne Stimme hast, man schaut nicht danach, ob du ein Instrument spielst, zunächst musst du es schaffen, dich in den Geist der Gruppe einzufügen. Und dann gibt es Affinitäten, die sich herausbilden.

Paul
Zu einem bestimmten Zeitpunkt sagte Jean-Claude: „Hör mal, du machst nichts – hast du nicht Lust auszuprobieren zu singen?“ – (Paul) „Ich habe nie gesungen. Ich weiß nicht mal, was ich machen werde. Zunächst mal: ihr könnt schon singen. Ich weiß nicht, was ich da machen könnte.“ Er (Jean-Claude) sagt zu mir: „Willst du oder willst du nicht?“ Ich sage: „Doch, ich kann es ausprobieren, man weiß ja nie.“ Und er sagt zu mir: „Gut, du hast eher eine hohe Stimmlage, versuche die Terza zu singen.“  Und also, ich probiere es aus, und das war wie ein Wunder: von dem Augenblick an, als ich das Singen ausprobiert habe, bin ich abends nach Hause gegangen, ich habe Kassetten angehört,  und dann habe ich Jean-Claude wiedergesehen, und ich habe ihm gesagt: „Hör zu, du musst mir das beibringen!“ Ich habe nicht mehr aufgehört zu singen, in meinem Kopf vor mich hinzuträllern. Wenn wir in der Schule Pause hatten, und wir nur zehn Minuten hatten, haben wir eine „padiè“ gemacht, wir haben gesungen, es war gigantisch, das ist in einem unglaublich schnellen Tempo vonstatten gegangen.

JJean-Claude (am Klavier und Laptop):   Oh, Sch*, was mach ich da!
Jemand außerhalb des Bildes:   Der ist kaputt…  (der Computer)
Jean-Claude:   Nein, nein, er ist auf Orgel gesprungen.

3. Sub Tuum

Jean
Ich habe Schwierigkeiten zu erklären, warum z.B. ich dieses Land nicht verlassen will. Sicher, hier sind meine Wurzeln und alles. Aber es gibt etwas… etwas noch Tieferes. Als ich siebzehn war, habe ich mit der Schule aufgehört, weil ich nicht von Korsika weg wollte. Es gab auf Korsika keine Universität, aber ich betrieb Archäologie, und der Archäologielehrer, bei dem ich war, unterrichtete an der Universität von Nizza, und er verstand nicht, warum ich mein Studium nicht fortsetzte, wo er doch dann am Ort wäre. Aber ich habe gesagt: „Nein, das kommt nicht in Frage, ich verlasse Korsika nicht!“

JeanLuc
Als ich zwölf, dreizehn Jahre alt war, habe ich gehört, dass A Filetta einen Polyphoniekursus gab, zweimal in der Woche in Lumio. Also bin ich da hochgefahren, ich habe zwei, drei Jahre lang dieses Praktikum gemacht, und als ich fünfzehn, sechzehn war, haben mich Jean-Claude und der Rest der Gruppe gefragt, ob ich in die Gruppe eintreten wollte, ob ich mit ihnen auf Tournee gehen wollte. Ich habe zugesagt, und nach und nach habe ich mit Tourneen angefangen, einige Abende, wenn ich Zeit hatte. Zu der Zeit ging ich noch ein bisschen zur Schule.  Dann habe ich mit der Schule aufgehört, um meinem Vater hier zu helfen. Ich hatte nicht so viel Zeit, um sowohl zu Singen  – außerdem: das waren zwei völlig verschiedene Leben: hier Schäfer, mit meinem Vater, auf dem Land, und dann musste ich das Flugzeug nehmen, auf den Kontinent fliegen, singen – das waren zwei völlig unterschiedliche Sphären, das war wirklich verstörend.

4. I Mulatteri d´Ulmettu

Jean Claude
Bruno Coulais war bei der Premiere von  „Medea“ anwesend, die wir im November 1997 in Bastia gegeben haben. Und danach, nachdem er uns im Rahmen dieser Medea von Seneca gesehen hatte, hat Bruno mit uns wieder Kontakt aufgenommen um zu fragen, ob wir bereit wären, mit ihm an einer Filmmusik zu arbeiten, die er gerade schrieb, für einen „Don Juan“. Das war der „Don Juan“  von Molière, verfilmt von Francis Weber. Und dann ging alles sehr schnell, wir haben Bruno Ende November in Bastia getroffen, und wir haben mit ihm die Chöre, die Musik von „Don Juan“ am 3. Januar aufgenommen.
J.-C. (am Mischpult): Da sind gute Sachen bei, aber andere, hmm…

Bruno Coulais
Ich war völlig unwissend. Ich war in Paris, ich schrieb die Partituren, die ich ihnen schickte. Ich war mir nicht dessen bewusst, dass das eine Gruppe ist, die nur über das Gehör arbeitet, dass die korsische Musik eine Musik ist, die überhaupt nicht kontrapunktisch und auch nicht rhythmisch ist. Der Rhythmus kommt vom Text. Und also in drei Wochen mussten sie, ich glaube acht oder neun Stücke auf die Beine stellen, ungefähr vierzig Minuten ziemlich wagemutige Musik.

5. Tra I debbii Maio (Don Juan)

José
Für mich ist die Partitur etwas, was mir nichts sagt. Manchmal habe ich Lust, die Partitur zu nehmen und sie wegzuwerfen! Sie nervt mich wahnsinnig! Ich bin praktisch der Einzige, der die „akademische“ Musik ablehnt. Vielleicht der Einzige. Jean-Luc wird auch nicht sehr warm damit.

Jean Luc
Wenn ich über Musik spreche, sage ich, dass sie durch die Ohren gehen muss. Was ich auf einem Papier sehe, auch wenn es mir ein bisschen hilft, ohne es zu hören, wird das nie etwas für mich darstellen. Bruno, wenn er eine Partitur liest, hört er, was er liest. Ich habe nie auf die Art gedacht, schon weil ich es nicht kann, und auch nicht zum Spaß…

Jean Claude
Ob du auf der Bühne bist oder nicht, ist egal, aber wenn wir singen und du das Gefühl hast, gerade einen Punkt zu berühren, den man eigentlich nicht erreichen kann, dann ist das wahnsinnig, das ist eine fantastische Freude. Das bringt gewaltige Gefühle hervor.

Paul
Von dem Augenblick an, wo ich singen gelernt habe, wo ich in die Gruppe kam, bis zu dem Moment wo ich geheiratet habe, war das alles. In der Woche arbeitete ich, am Wochenende habe ich schnell meine Tasche genommen und bin in die Balagne zum Proben gefahren. Das war alles. Alles war für A Filetta gedacht, als ob es ein Wesen, eine Gottheit war. Es ist verrückt. Jetzt bleibt es auch noch wichtig, weil es unser Beruf geworden ist. Aber wir sehen es nicht als einen Beruf, es bleibt immer eine Leidenschaft. Ich glaube, wir treffen uns immer noch mit demselben Vergnügen.

Maxime
Du  kommst auf die Bühne, du bist angespannt, und sobald du beginnst, ist das vorbei. Man erreicht eine Art Vollendung, du suchst die anderen, das Gleichgewicht, die Stimmen usw., du versuchst die Segunda (die mittlere Stimme) einzuholen, mit ihr mitzulaufen, um die Wörter darüberzulegen.

José
Wir hören viel aufeinander, wir schauen uns viel an, wir haben das Bedürfnis nach Kontakt, uns manchmal Schulter an Schulter zu berühren, uns um die Taille zu fassen. Wir machen das auf eine natürliche Weise, wir brauchen das. Wir hören einander viel zu.

Jean Luc
Manchmal, wenn wir singen, wenn wir ein schönes Konzert geben, wenn wir wirklich gut konzentriert sind und alles gut läuft, bekommst du auf der Bühne Gänsehaut, du bist völlig woanders.

Jean
Oft habe ich im Konzert, wenn ich singe, meine Augen geschlossen, dann sehe ich eine Art Licht, ich fühle mich gut, ich singe, ich bin bei meinen Freunden, und dann gibt es diese Harmonie, dieses Verschmelzen der Stimmen, welches bewirkt, dass ich die Vorstellung habe entrückt zu sein.

Jean Claude
Um das kulturelle Phänomen der letzten dreißig Jahre begreifen zu können, darf man es nicht vom politischen Hintergrund trennen. Ich würde sagen, das waren dreißig Jahre, die sehr stark Forderungen stellten, man hat sehr viele Sachen in Frage gestellt, es sind die Jahre, in denen es auch eine gewaltsame Protestbewegung gegeben hat. Und tatsächlich ist der Beginn unserer Gruppe genau in diesen Jahren damals anzusiedeln, den Jahren nach 1975.

6. Sumiglia

Jean Claude
Ich glaube nicht, dass das Singen nur für Männer ist. Der Gesang ist nicht an einem Aprilmorgen aus einem Kastanienwald aufgetaucht. Ich würde sagen, er ist die Frucht von Zivilisationen, die sich begegnet sind, die sich gekreuzt haben, die sich bekämpft haben, die Krieg geführt haben, die sich gegenseitig getötet haben…

Maxime
Die Franziskaner haben ein bisschen an dem Gesang festgehalten, den es schon gab, alles was profane Polyphonie war, was dann die sakrale Polyphonie ergeben hat, die man heute noch singt. Es haben Adaptionen stattgefunden…

Jean
Tief in mir verankert habe ich das Gefühl, dass das ein Gesang ist, den es schon immer gegeben hat. Als Archäologe arbeite ich über die Urgeschichte, über eine nicht so lang zurückliegende Periode, 6000 Jahre v. Chr., das neolithische Zeitalter. Das ist nicht alt, die Menschen waren wie wir jetzt, also kann ich mir nicht vorstellen, dass die Menschen nicht sangen. Man weiß, dass es die Sprache schon lange gibt, es gibt also keinen Grund, dass sie nicht gesungen hätten. Und folglich, wenn sie gesungen haben, haben sie auch Polyphonie gesungen.

7.  A Sintenza

8.  Makharia

Jean Claude
Ich weiß nicht, wenn ich „u mare“ sagen will, wenn ich vom Meer (la mer) spreche, ist für mich  „u mare“ nicht „la mer“, weil ich in meiner Sprache eine andere Beziehung zum Meer habe, als wenn ich das Französische gebrauche. „La mer“ auf Französisch ist das Mittelmeer. Das Korsische ist eine sehr bildhafte Sprache, es ist eine Sprache, die sehr dicht an der Natur geblieben ist. Gut, es ist vielleicht banal, das zu sagen, aber jedenfalls es gibt viele Ausdrücke, die eine ganz besondere Beziehung zur Natur ausdrücken. Wir haben schon über diesen Hang gesprochen, den wir haben, die Natur, die Tiere, die Steine usw. zu vergöttern. Unsere Sprache erlaubt es uns, diese Art Traum von der Ewigkeit zu nähren.

9.  L´Arditezza

Bruno Coulais
Ich wäre gern dabei gewesen, als sie an Medea arbeiteten. Denn nichts war aufgeschrieben, vielleicht mussten sie auch an Ort und Stelle Stimmen zusammensuchen. Ich denke, dass Jean-Claude alles im Kopf hatte. Und das ist ziemlich schwindelerregend, denn die traditionelle Musik wird mündlich weitergegeben, aber ein Werk zu schaffen, das man im Kopf hat, ohne etwas aufzuschreiben, und dabei jede Phrase jedem einzelnen Sänger vorzusingen, und damit dann Erfolg zu haben – ich finde, das ist mehr als beeindruckend!

Jean Claude
Medea ist eine Musik, die nicht aufgeschrieben ist insofern, als sie eine Musik ist, die ziemlich frei ist. Das heißt, es gibt keinen Takt, sie hat tatsächlich kein Taktmaß. Und damit das ein zusammenhängendes Ganzes wird, braucht man Monate über Monate, sogar Jahre. Letztendlich haben wir das Gefühl, dass Medea, das 1997 entstanden ist, erst heute seine Reife erlangt hat, d.h. vier Jahre später.

10. U Furore

José
WWir stellen uns nicht die Frage, ob es gut ist oder nicht. Wir machen es einfach. Wir pflegen zu sagen, dass die Zeit ein Sieb ist, und dass sie es aussortieren wird. Sie wird die guten Dinge nehmen und die schlechten Dinge weglassen. Es ist nicht an uns zu sagen, was aus der Polyphonie werden wird, wir stellen uns diese Frage nicht. Wir wissen, dass wir dabei keine Rolle zu spielen haben. Wir sehen es so, dass wir Durchreisende sind, von einem Zeitpunkt zum nächsten. Unsere Rolle ist es, diesen Gesang weiterzugeben, von einem Zeitpunkt zum nächsten. Das ist alles.

11. Kyrie